Wasser II

Die Natur braucht es.

Wann immer es scheinbar zu viel regnet hilft dieser Satz.
Denn der Natur tut es wirklich gut, die Böden sind zu trocken, der Grundwasserspiegel sinkt mit jedem Jahr.

Prasselnder Regen auf versiegelte Fläche

Die Natur schlägt zurück.

Das verwenden wir gerne, wenn kanalisierte, versiegelte oder versperrte Naturgewalten alle Hindernisse überwinden und zum tödlichen Schlag ausholen. Wie jetzt aktuell in  Rheinland Pfalz und NRW.
Wassermassen bahnen sich ihren Weg durch Kleinstädte und kein Auto, keine Mauer, nicht einmal ein Haus kann sie stoppen. Alles wird hinweg gespült.
Über 140 Menschenleben forderte diese Flut binnen 24 Stunden.
Das ist furchtbar.

Und furchtbar nützlich.

Bildjournalismus am Limit. Das bringt Klicks.

Politiker steigen in Gummistiefel, Reporter in Wathosen. Showtime.
Ich habe das oft genug mitgemacht in meiner Newszeit.

Die niederbayerische Dreiflüsse Stadt Passau war immer wieder ein Klassiker, auf die Donau war Verlaß.
Hochwasser ist ein Newsevent der Extraklasse. Wo hat man schon Betroffene, Helfer, Verwüstung und hohe Politik auf so einem engen Raum versammelt.
Und dennoch fast vor der Haustüre. Hotels fernab jeglichen Chaos sind oft nur wenige Kilometer entfernt.
Hochwasser sind meist sehr regionale Ereignissen, zwei drei Städtchen erwischt es, der Rest des Landes sitzt auf dem Trockenen und ist medial dabei.
Hochwasser garantiert Quoten, denn niemand hat es in Deutschland weit bis zum nächsten Fluß. Das Elend ist greifbar, schwimmende Sofas, umgekippte Autos und Schlamm, Schlamm, Schlamm.
Genug für die Quotenschlammschlacht der Medien.

Land unter

Die Menschen sind traumatisiert und lassen alles mit sich machen in der Hoffnung auf Hilfe. Lassen Reporter, Fotografen, Kamerateams durch ihre Häuser stapfen und stülpen ihr innerstes nach aussen.

Im positiven Idealfall geht ein Ruck durch die Gesellschaft. Es wird mehr Hilfe mobilisiert, Spendengalas und auch Politiker (m/w/d) setzen Gelder in Bewegung.

Daneben wird instrumentalisiert, aktuell mit der Klimaerwärmung. Die ist schuld an der Katastrophe in Schuld.

Das Eifeldorf Schuld, vom Fluss Ahr umschlungen

Die Klimaveränderung trägt garantiert ihren Teil dazu bei, sie ist aber nur eine Komponente.
Landschaftsversiegelung und massive Bebauung, keine Ausweichflächen sind auch Gründe für das Desaster.
Ich selbst bin in einer Kleinstadt an der Donau groß geworden.
Wir hatten zweimal im Jahr Hochwasser, meist nur über die Wiesen und Felder, manchmal schaffte es die Donau bis in die Stadt hinein.
Für uns Kinder und Jugendliche war das Klasse. Dann baute das THW Stege und der BR kam mit einem Kamerateam.
Irgendwann wurde ein Damm gebaut und es war vorbei.

Allerdings hat es uns bei weitem nie so schlimm erwischt wie aktuell in NRW und RP.
Diese vielen Toten in so kurzer Zeit, das musste ich auch in meiner Newszeit nie erleben. Das ist wirklich Horror und eine neue Dimension.
Die Kraft des Wasser ist unglaublich und wird sträflich unterschätzt. Jeder watende Fliegenfischer kann ein Lied davon singen.
Es gilt, kommt das Wasser, dann lass alles stehen und liegen und schau, dass du irgendwie schnell an Höhe gewinnst. (Das haben wir als Kinder schon gelernt)
Du kannst dein Auto oder deinen Flatscreen nicht mehr retten, nur dein Leben. Dazu kommen die Kälte und der feine Schlamm, die die Kräfte erlahmen lassen.

Enden möchte ich aber mit einer etwas anderen Hochwassererinnerung.
Irgendein Dorf wurde vom nahegelegenen Bach unter Wasser gesetzt. Als wir dort ankamen hatte sich das Wasser bereits wieder ins Bachbett zurückgezogen, ausser in den Kellern, da stand es es noch knietief.
Als ich in einem alten Bauernhaus mit Herumwaten und Drehen fertig war kam ich mit dem Hausherrn ins Gespräch. Der meinte, das Wasser war ruckzuck da, der Bach sei ja ums Eck.
Daraufhin gingen wir in den wirklich schönen Garten mit altem Obstbaumbestand, am Rande des Gartens floß wieder friedlich das etwa 1,50m breite Bächlein. Und ich habe spontan gesagt “Mann ist das schön hier”.
Und der Mann?
Der lächelte und meine “Ja. Wunderschön. Dafür nehme ich schon mal ein Hochwasser in Kauf.” Und das sagte er ohne Ironie.

Wir können nur mit der Natur leben, gegen sie haben wir nicht den Hauch einer Chance.

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