V-Mann

Kleine Geschichten aus dem Corona Alltag

Wir, ein Fotograf und ich, treffen Samuel K. im Wald auf einer Lichtung. Er trägt Jägerkleidung, eine Langtasche hängt über seiner linken Schulter, das Fernglas baumelt vor der Brust.

„Lassen Sie uns ein Stück gehen“ sagt er in ruhigem Ton.
K. ist groß, schlank, Anfang 50. Geschickt wandert er zwischen den Bäumen umher, fast lautlos.
„Das habe ich in der Armee gelernt, lange ist es her. Kommando Spezialkräfte. Sowas verlernst du nicht“.

Allein gelassen

Dann bleibt er unvermittelt stehen, deutet uns an uns abzuducken.

Bald hören wir heftiges Atmen. Laufgeräusche. Unbemerkt von uns wankt mehr als sie joggt eine beleibte Frau am nur 10 Meter entfernten Waldweg an uns vorbei.
K. scheint zu überlegen, dann verklingt das Keuchen.
„Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl ob es lohnt oder nicht.“

K. läuft weiter. Seine Sinne sind gespannt, man kann förmlich sehen wie er die Umwelt in sich aufnimmt. Wittert.

„Nach der Armee stand ich erstmal da. Ich hatte ja nix gelernt, ausser Befehle ausführen, anschleichen, schießen. Den Job erledigen. Das Arbeitsamt steckte mich in einen Excelkurs.“

Er schmunzelt. „Der Computer hat es nicht überlebt. Er ging kaputt als er durchs geschlossene Fenster flog.“
K. lacht leise.

Mittlerweile sind wir an einem großen Hochstand angekommen. An dessen Fuße kreuzen sich drei Waldwege.
„Idealer Platz“ sagt K. und steigt hinauf.

„Kommen Sie, da oben ist Raum für alle“ Wir klettern mühsam hinterher, fragen uns, ob das Ding wirklich uns drei, K., den Fotografen und mich überhaupt aushält.
Aber K. hat recht, oben angekommen wirkt die Konstruktion erstaunlich solide.

„Ich habe mich dann selbständig gemacht“ nimmt K. das Gespräch wieder auf.„Ich war quasi als Freelancer in der Abwicklung humanitärer Persönlichkeiten tätig. Sowas wie HR.“
Ich hake nach, will wissen was er darunter versteht.
K. fixiert mich. „Was auf dem Hochstand gesprochen wird bleibt unter uns. Richtig?“
Ich nicke, fasse unter meine Jacke und starte das Aufnahmegerät.

„Mein Fachgebiet waren Erbangelegenheiten. Sie kennen das sicher. Da wartet eine dickes Erbe auf Sie, das Geld könnten Sie aktuell auch gut gebrauchen, alleine der zu Vererbende erfreut sich bester Gesundheit. Meist sind die 80, 90 Jahre alt und relativ munter oder für die Heime zu wertvoll um sie dem Paradies zu übergeben. Die Pflegekasse zahlt ja.“

K. setzt das Fernglas an und sondiert die Umgebung. „Nichts“
Nimmt es ab und wendet sich wieder uns zu.
„An diesem Punkt kam ich ins Spiel.“

Wir müssen sehr fragend geblickt haben, dann K. holte tief Luft und spricht dann wie zu kleinen Kindern „Ich machte den Weg frei. Immerhin ging es bei den Erben um die Zukunft. Autos und Urlaubsreisen wollten be- das verdammte Eigenheim abbezahlt werden.“
K. machte eine Pause.

„Mein Slogan war : Erben ist keine Frage der Zeit, sondern des Wollens. – Und die Leute wollten.“
K. lacht wieder leise.

„Mann war das eine geile Zeit. Sie glauben gar nicht wie mir die Leute die Bude eingerannt haben. Beim Geld hört die Verwandschaft auf.“

Ruhe auf dem Hochstand. Wir sind fassungslos. K. ein Auftragsmörder? Was für eine Topgeschichte.
Er scheint unser Gedanken zu erahnen.
„Was schauen Sie so? Die Leute wären eh gestorben. Eher früher als später. Ich hatte einen Ehrenkodex. Mindestalter 80 und Alleinstehend – da hat man genug gelebt und sollte der Zukunft der künftigen Generation nicht mehr im Wege stehen.“

Die Luft scheint plötzlich knapp zu werden auf dem Hochstand. Ich schwitze, der Fotograf nestelt seine Kamera heraus.
„Die lassen wir mal stecken“ meint K. in sehr ruhigem Ton.
Der Fotograf lässt stecken.

„Und dann kam dieses Scheiß Corona.“ K. brüllt es heraus, jede Umsicht vergessend.
„Verdammte Altenseuche. Mein ganzes Geschäftsmodell über Nacht im Arsch! Danke Merkel fürs Kaputtsparen des Gesundheitssystems.“
Ein Zittern geht durch Ks Körper. Unbändige Wut blitzt in den Augen.

„Meine Zielobjekte verabschiedeten sich plötzlich so mir nichts dir nichts ins Jenseits. Mein Telefon stand nicht mehr still – Auftrag um Auftrag hatte sich plötzlich selbst erledigt. Fucking Corona machte den Job billiger und schneller.“

„Das Büro in Bestlage, mein Haus, das Boot, der Jeep – Kosten Kosten Kosten. Und Staatshilfe? Für einen wie mich gab es doch nix.“

K. sinkt in sich zusammen, fast weinerlich meint er „Können Sie sich vorstellen, was Corona für eine Katastrophe für mich war? Heute ein solides Geschäftsmodell, morgen pleite.“

Pause. Noch mehr Pause. Luft holen.

„Und dank der absolut katastrophalen, unfähigen Pandemiepolitik der Bundesregierung ging das Sterben ja munter weiter. Mit jedem Tag verlor ich tausende potentielle Kunden.“

K. sitzt zusammengesunken vor uns. Der große Mann wirkt verloren. Er ist eines der vielen unbekannten Coronaopfer in diesem Land.

Ich zucke zusammen als ein Energiestrom K. erfasst und er sich ruckartig aufsetzt. Er nimmt das Fernglas und fixiert einen Punkt am nördlichen Waldweg.

„Herrlich. Endlich kommt einer“ sagt er, öffnet den Reisverschluß der Langtasche und zieht ein doppelläufiges Gewehr daraus hervor.

„Eigentlich ist das gemacht für Nashörner und Löwen“ sagt er beiläufig, zieht zwei kleine Pfeile mit der Beschriftung J&J aus der Manteltasche klappt die Doppelläufige nach unten und setzt die Pfeilampullen sie ein.

„Ruhe jetzt!“ und so wie er es sagt sind wir bereit genau das zu tun. Man hört bereits das Keuchen des Joggers. Der etwa 30 jährige Mann kommt schnell näher.
„Ideales Alter“ murmelt K. und legt an.

Statt eines Knalls kommt nur ein verzagtes Plopp vom Gewehr.

Lauter ist das nachfolgende Aufschlagen des Körpers auf dem Waldweg. Wir starren noch gebannt auf den leblos daliegenden Mann da ist K. schon hinabgeklettert und nähert sich behende mit schussbereiter Waffe dem Jogger.

Wir kommen langsam hinterher.

K. macht ein Foto mit seinem Handy vom Gesicht des Daliegenden. Dann zieht er den Pfeil aus der Schulter des Mannes und verstaut ihn. Lädt nach. legt das Gewehr daneben ins Gras.

Noch einmal fasst er den Toten an, nimmt dessen Hand, öffnet am Telefon eine App und scannt die Fingerabdrücke.

„Es muß ja eindeutig sein, man will ja wissen, hat es sich gelohnt. Besser ist es natürlich, hat er einen Pass dabei. Aber Jogger …“ er schüttelt den Kopf.
Dann sieht er unsere entsetzten Gesichter.

„Ach – keine Panik. Der schläft nur.“ Er zieht den Jogger auf den weichen Waldboden.
„Der kommt bald zu sich und kann sich an absolut nichts erinnern. Ist ein bischen wie in Men in Black. Im Gegenteil, er wird glauben ein Nickerchen gemacht zu haben. Geiles Zeug in den Ampullen.“

K. richtet sich auf, das Gewehr unter den Arm geklemmt.

„Aber zurück zu meiner Erzählung, als ich dachte alles ist aus kam das Angebot aus Berlin. Ob ich V-Mann werden wolle. Irgend jemand im Verteidigungsministerium hatte mich empfohlen.“

K. strahlt.
„Alte Kontake sind die besten. Natürlich habe ich zugesagt, schließlich ging es um die Sicherheit unseres Landes“.
“Aber ehrlich gesagt ist das Job verdammt gut bezahlt.”
Er schaut noch einmal nach dem Jogger „Ich denke in 10 Minuten wird er wach.“

„Diese Impfunwilligkeit in der Bevölkerung war meine Rettung. Die Zahlen mussten hoch egal wie. Der teuer eingekauft Impfstoff weg. Der Politik geht es hier um das eigene Überleben, da wird nicht lange gefackelt. Also wurden die V-Männer einberufen. V wie Vaccinate. Impfen, Kapiert?“

Wir nicken wie zwei Schulbuben. Er lacht wieder.
„Ich bin ein Vaccinator. Jeder Schuß eine Dosis Johnson&Johnson, der Einmalimpfstoff. Genial. Das Kopfgeld ist nicht schlecht. Ich brauche auch nicht immer das hier.“
Er deutet auf sein Gewehr.

„Wenn die Zielperson im ÖPNV vor dir sitzt ist es nur ein kleiner Stich. Oder im Vorübergehen im Cafe. Zack. Die Leute denken es sei eine Wespe gewesen. Das ist dann natürlich J&J pur. “

Ich frage ob er beliebig impft.
„Aber nein, wir bekommen Listen mit Fotos. Ich habe allerdings schon soviel Erfahrung, ich erkenne einen Ungeimpften auf 100 m Entfernung. Man muss die Leute leider zu ihrem Glück zwingen. Eigentlich wollen doch alle geimpft werden, sie wissen es nur nicht.“

Er seufzt. Dann wird er unvermittelt ernst.
Er streckt die Hand aus.
„Das Aufnahmegerät bitte“
Mit zitternden Händen übergebe ich es.

K. hebt sein Gewehr. „Get ready for your vaccination.“

Es macht zweimal Plopp.

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