Schweizer Käse

Ich bin ein Freund der Europäischen Union. Ich mag die EU und den Gedanken an ein vereintes Europa. Auch wenn es derzeit schlecht aussieht. Die Nörgler und Kissenpupser versuchen es uns madig zu machen.
Wer regelmässig die Landesgrenzen verlässt, der kann die EU nur für gut halten.
Keine Grenzkontrollen, nach Wien zum Dreh zu fahren unterscheidet sich nicht vom Einsatz im Ruhrpott oder im schwedischen Kiruna.
Ich denke Leute, die die EU und ihre Freizügigkeit verteufeln kommen selten aus ihren 4 Wänden raus oder sind bei den Christsozialen.

Warum erzählt ich das? Weil es zum Zwecke der Bewegtbildaufnahme wieder einmal in die Schweiz geht.
Eine Insel mit zig Bergen im vereinten Europa, eine sehr wohlhabende.
Unser Auftraggeber für diesen Job sitzt im sonnigen Florida und der hat von Europa wahrscheinlich genau soviel Ahnung wie wir von den Everglades.
Ich musste ihm das mit dem Carnet erst einmal erklären, denn rüberfahren zu den Eidgenossen und drehen ist nicht. Auch wenn es Yourope ist.

carnet
Ohne Carnet geht in Chile, Sri Lanka, Marokko und natürlich der Schweiz nichts

Für die Schweiz braucht es also ein Carnet, ein Zolldokument, mit dem man höchstoffiziell eine Berufsausrüstung aus der EU aus und in ein Drittland ein- und wieder ausführt um es dann wieder ins Heimatland einzuführen.
Den mehrseitigen Carnetsatz gibt es bei der örtlichen IHK für 3€.
Carnetsatz abholen, im Büro ausfüllen, dann bei der IHK beglaubigen lassen und mit Carnet und Ausrüstung ab zum lokalen Zoll. Nämlichkeitssicherung machen lassen, dass auch alles stimmt was drauf steht, vor allem die Seriennummern. Da ist schnell ein halber Tag um und man selbst urlaubsreif aber reisebereit.

Ein Carnet bedeutet dann auch immer Kontakt zu den Zollstellen des Ziellandes.
Was sehr unterschiedlich ablaufen kann.
In Brasilien weigerten sie sich den Zettelhaufen auch nur anzuschauen, geschweige denn zu stempeln, glücklicherweise auch bei der Ausreise.
In der Türkei, an einem Provinzflughafen, wollten sie uns gar nicht ins Land lassen, da wir an einem Sonntag zurückfliegen wollten, am Sonntag aber der Zoll nicht besetzt sei und niemand uns den Ausfuhrstempel geben könne.
Logische Konsequenz war, wenn sie uns nicht reinlassen, dann entsteht das Problem nicht. Ich danke heute noch unserer fantastischen, türkischen Dolmetscherin die das binnen mehrer Stunden geregelt bekam.
In Äthiopien hatte die Produktionsfirma eigens Leute an den Zoll schicken lassen, die ein Einreise “erleichterten”.
Bei den USA in Kalifornien ging es total unkompliziert und flott, Stempel und “Welcome to the US”. Naja – unsere Daten waren dank NSA eh vor uns da.
In Japan setzt man sich mit dem Zöllner mitten im Flughafen auf den Boden und geht die Liste durch – dauerte bei der Ausfuhr aber nur 20 Sekunden, da ich die gebrauchte Wäsche zum Equipment gepackt hatte und der Zöllner mich erschrocken aufforderte den Stativsack zu schliessen und das Carnet dann eiligst abstempelte. Das mit der Wäsche war ein Tip eines Kollegen. 🙂
Ja und in Mexiko fanden sie das Carnet ganz toll, aber da seien zusätzliche Dokumente von Nöten, die müsse der mexikanische Zöllner erst besorgen, das dauert, das kostet…
Unser Produktionsleiter überreichte daraufhin dem besorgten Beamten 150 US$ in Scheinen und wir wurden abgestempelt und waren drin im Land. Ich habe noch nie so schnell und geschickt Geld in einer Brusttasche verschwinden sehen.

Aber die Schweiz…. Einmal hielten sie uns fest, weil ein Stempel der Franzosen fehlte. Man wollte uns auch nicht zu den nur 100m entfernten Franzosen zurücklassen um den Stempel zu holen. Lang und breit wurde erklärt, wir wären auf schweizer Gebiet und blablubb…
Jahre später gab es einen urplötzlichen Mörderanschiss vom Zöllner weil das Carnet aus seiner Sicht nicht optimal vorbereitet war.
Und beim letzten Übertritt Ende 2013 wurde der Schalter vor meiner Nase geschlossen und der Zöllner verkündete seiner Kollegin lautstark er mache jetzt Pause. Davor hatte er eine Schlange von 10 Leuten abgefertigt, ich war der letzte in der Reihe.
Ich habe mich dann bei der Kollegin angestellt, da ging aber 10 min nichts, da der Pausenzöllner ihr wahnsinnig wichtige Dinge auf Schwitzerdütsch mitteilen musste. Was weiss ich nicht, eventuell die aktuellen Zinssätze der Diktatoreneinlagen oder etwas über eine neue Käsesorte.
“Nie mehr durch die Schweiz” ist ein geflügelter Satz bei manchen Kollegen, die Strecken nach Frankreich oder Italien über die Schweiz abzukürzen pflegten. Denn auch für die Durchreise braucht es ein Carnet.
Der Zöllner ist der erste Kontakt zum Land, wie der Pförtner früher bei einem Unternehmen. War der Pförtner unfreundlich, dann war meist auch das Klima in der Firma….
Bei der Schweiz ist es immerhin im Lande noch ganz angenehm.

Es ist halt schade, dass mitten in Europa dieses Bergvolk residiert und einem beim Grenzübertritt das Gefühl der 80er Jahre vermittelt.
Ich denke, hätte die DDR Geld gehabt, sie wäre der Schweiz nicht unähnlich gewesen. Abgekapselt und auf sich fokusiert.

Wie es diesmal läuft weiss ich nicht – wenn der Blog automatisiert erscheint sind wir bereits im Land von Heidi und Ziegenpeter.

Update:
Wir sind bei Au rüber – problemlos. Waren Zöllnerinnen und wir wurden professionell abgefertigt.
Drinnen war es wie immer sehr nett. Es war mir eine Freude.

Stau am Grenzübergang heim in die EU. Liebe Schweizer - Grenzen in Europa sind out!
Stau am Grenzübergang heim in die EU. Liebe Schweizer – Grenzen in Europa sind out!

Die Partei “Die Partei” übrigens fordert eine Mauer um die Schweiz zu bauen.

www.machdas.de

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