KiZe

Kleine Geschichten aus dem Corona Alltag

Diese kleine Hand.

Immer wieder diese kleine Hand.
Fünf Finger gespreizt die unaufhörlich ins Leere greifen.
Stumm.
Sie hat die Hand schon mehrfach zurückgeschoben. Aber bevor sie die Klappe schließen kann ist sie wieder da.


Die Kleinen sind schnell. Mit den Größeren gibt es weniger Probleme, die fügen sich. Nehmen Platz und schweigen.
Die Jungs zu stolz für Gefühle, die Mädels in kleinen Gruppen, stumm.
Die ganz kleinen liegen in Körbchen, sediert dank eines Pülverchens im Milchersatz.
Es könnte so einfach laufen wären da nicht die flinken Hände der Kleinen.
Zu nichts zu gebrauchen – Zwischenwesen.

Gefahren bannen.

Aber man hatte ja keine Wahl. Letztendlich geht es um das Überleben der Menschheit. Einen Virus rottest du nicht mit halbgaren Entscheidungen aus.
Immer noch gab es täglich fast ein dutzend Tote.
Sollte man da tatenlos zusehen wie im eigenen Land, im eigenen Umfeld eine kleine Gruppe scheinbar unbehelligt aller Maßnahmen am sozialen Leben teilnahm?

Ehrlichkeit.

Dies hier ist ein erwachsenes Land.
Ein Land für Menschen die dem letzten Lebensdrittel entgegenstreben.
Man hat es geschafft, da kommt so ein Virus äusserst ungelegen.
Und dazu noch diese Randgruppe.
Kinder.
Ganz ehrlich, mit Kindern konnte sich dieses Land noch nie abfinden.
Sie sind ein scheinbar notwendiges Übel einer Gesellschaft die ausreichend Erwachsene braucht.
Zu nichts zu gebrauchen, unstete Ressourcenvernichter und Bremsklötze in der beruflichen Karrierentwicklung vieler fleissiger Männer und Frauen.
Und jetzt – Virenherde.
Sie tragen die Saat des Todes in sich und merken es nicht einmal.

Klappe zu.

Endlich, nach unzähligen Fehlversuchen endlich ein Erfolg. Die Klappe ist zu, der Riegel vorgeschoben. Es ist doch für alle nur das beste was sie und ihre Mitstreiter hier leisten.
Im Minutentakt kommen Busse, bringen die Unmündigen an.
Es ist anstrengend so im Vollschutzanzug. Aber man will ja nichts riskieren.
Natürlich sind sie alle dreifach Kreuzgeimpft.
Aber sicher ist sicher.  Es gibt immer neue Varianten.
“Das Virus ist schlau” der Satz des bayerischen Ministerpräsidenten, der am Eingang zur Station in großen Buchstaben prangt ist Warnung genug.

Die Zentren.

Es ist ein altes umzäuntes Firmengelände mit Gleisanschluß.
Ideal geeignet, man hat seine Ruhe. Der Werkschutz hält die draußen, die noch protestieren. Eltern die es noch nicht kapiert haben.
Aber es werden weniger.
Eltern die ihre Kinder verstecken gelten als asozial, da sie die Gemeinschaft in Gefahr bringen.
In einer medialen Dauerschleife werden sie an ihre Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber erinnert.

Man will den Kleinen ja nichts böses.

Sie tritt zurück als der Zug anrollt. Sein Ziel ist das KiZe “Peter Pan”.
KiZe, so werden die neuen KinderZentren genannt.
Die Regierung hat mit führenden Wissenschaftlern das Modell der Kinderzentren erdacht und in erstaunlichem Tempo umgesetzt.
In den KiZe werden alle bis zum impffähigen Alter von 12 Jahren vom Staat liebevoll versorgt.
Die Vorteile sind enorm.
Nur in den Kinderzentren kann eine 100%ige medizinische Versorgung garantiert werden. Und das macht die Regierung.
Die Kinder sind von der Straße weg und die Eltern haben Zeit für wichtigeres. Ausserdem besteht keine Ansteckungsgefahr mehr für ältere Mitmenschen, da die Virenherde zentral untergebracht sind.

In den Kinderzentren gibt es Schulen, Kindergärten und Spielplätze. Selbst Kinos und Schwimmbäder sind in einzelnen Anlagen vorhanden.
Umgeschultes Personal kümmert sich rund um die Uhr um das Wohlbefinden der Kleinen. Die Kinder werden optimal auf ihr Leben als Staatsbürger vorbereitet. Ohne schlechten Einfluss von aussen.
Und das beste: Den Eltern kostet der Aufenthalt keinen Cent.
Die Gemeinschaft übernimmt die Kosten der Betreuung bis zur Impfreife.
Neugeborene kommen umgehend in die KiZe.
Es wird eine schöne Welt, die solche Bürger:innen trägt.

Fehlschläge

Natürlich gab es die auch. Sie muss innerlich grinsen, als sie an die ersten Versuche dachte, den KiZe passende Namen zu geben.
Ein guter Name schafft Akzeptanz in der Öffentlichkeit, so das Werbecredo.
Allerdings wäre der hippen Werbeagantur beinahe ein folgenschwerer Fehler unterlaufen.
Als Google bei “Vorbild” “Mutter” “Kinder” Martha Goebbels ausspuckte konnte nur knapp das Kinderzentrum “Martha Goebbels” durch einen alten weißen Mann verhindert werden.
Disney bot sich an bei der Namensauswahl zu helfen.
Gegen eine regelmäßige Gebühr wäre man bereit die Markenrechte an beliebten Disneyprodukten wie “Donald Duck”, “Dschungel Buch” oder “Star Wars” für KiZe Namen freizugeben.
Das war politisch und medial der Durchbruch. Erfolgreich eingefädelt hatte den Deal im unteren Millionenbereich ein schwäbischer CSU Abgeordneter.

Erfolge.

Unterm Strich zeichnete sich schon jetzt ein Erfolg des Projekt KiZe ab.
Die Adulten haben endlich wieder Zeit für sich.
Wertvolle innerstädtische Flächen auf denen Kindergärten und Grundschulen standen gingen an internationale Investoren. Tempo 30 innerorts oder Spielstraßen blockieren nicht länger den Verkehrsfluss.
Und die Einführung der KiZe+, darunter versteht man Kinder&Erwachsenenzentren für Menschen jeden Alters mit Handicp, werden neuen Schub in unsere Gesellschaft bringen.
Aus Kostengründen entstehen diese Zentren im Ausland.

Die Bustüren öffnen sich. Sie seufzt. Zeit Hände zu stopfen.

 

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